Das Theater der Poesie - Antonio Smareglias späte Schaffensperiode
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Smareglias Spätwerk (1896 - 1929) umfaßt einige Lieder und drei Bühnenwerke. Die letzten Opern Falena (Venedig 1897), Oceana (Mailand 1903) und Abisso (Mailand 1914) nehmen in seinem Werk eine besondere Stellung ein, da sie seine besten und originellsten Schöpfungen sind und einen entscheidenden Wendepunkt in seinem Schaffen markieren. Im Unterschied zur vorher komponierten Oper Istrianische Hochzeit, deren Stil vom lyrischen Realismus geprägt ist, bestimmen neue Themen, Ideen, Gestalten und neue musikalische Ausdrucksformen Smareglias letzte drei Opern Falena, Oceana und Abisso.

Für deren Entstehen war Smareglias Zusammentreffen mit dem Librettisten Silvio Benco (1874-1949) von entscheidender Bedeutung. Die Zusammenarbeit mit dem jungen Dichter aus Triest, den Smareglia 1894 kennenlernte, inspirierte den Maestro zum “Theater der Poesie”. Silvio Bencos Verse mit ihrem suggestiven Gehalt gaben Smareglia einen breiten Raum für seine Musik und ermöglichten es ihm, weniger durch die Ausdruckskraft der Dramatik, als vielmehr durch Mittel der Phantastik in einer bildhaften und poetischen Atmosphäre einen neuen Opernstil entstehen zu lassen.

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Das Neue und Charakteristische am Theater der Poesie, wie es Smareglia in Zusammenarbeit mit Silvio Benco geprägt hat, wird in der Oper Oceana deutlich. Ein Grund für die lebendige Erinnerung an Oceana in der italienischen Operntradition ist ihre kritische Aufnahme bei ihrer Premiere an der Mailänder Scala 1903. Ihre Erstaufführung unter der Leitung von Arturo Toscanini wurde zu einem großen Erfolg, auch wenn die Reaktionen des Publikums gespalten waren. Die musikalisch-dramatische Gestaltung von Oceana überraschte die Zuhörer dermaßen, daß sie sich entweder in Befürworter oder Gegner der Oper teilten. Während die Traditionalisten auf den ungewohnten Opernstil und die undramatischen Ausdrucksmittel mit Ablehnung reagierten, hoben die Befürworter begeistert ihre musikalische Eigenart und malerische Atmosphäre als Zeichen neuer Ausdrucksformen hervor. Sie nannten Oceana ein “lyrisches Poem” (Sacchetti), eine “unendlich beschreibende Symphonie” (Pozza), ein “Märchen der reinen lyrischen Imagination” (Pozza). Rezensenten beschrieben Oceana als ein “Theater der Poesie” (einige Autoren) oder als “ein verkündendes musikalisches Theater” (Sansone).
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Nach der Premiere feierte das Publikum mit Begeisterung das Neue und Originelle an Oceana. Ebenso wie die Oper Falena, die Smareglia zuvor nach einer Textvorlage von Silvio Benco komponiert hatte, entsprach auch Oceana wenig den zur gleichen Zeit in Italien komponierten Opern: Premiere an der Mailänder Scala hatten Puccinis Tosca (1900), Mascagnis Le Maschere (1900) wie auch Franchettis Germania (1902). Der Unterschied von Oceana zu den anderen Opern in Italien am Anfang des 20. Jahrhunderts lag in ihrer Nähe zur Malerei. Das Libretto von Benco ist inhaltlich nicht an ein bestehendes Drama oder ein historisches Ereignis gebunden, die sonst in der Regel die Handlung einer Oper bestimmen. Für das Entstehen von Oceana ließ der Dichter seine Phantasie durch Gestalten aus Shakespeares Dramen Ein Sommernachtstraum und Der Sturm, Goethes Drama Iphigenie auf Thauris anregen und ganz besonders durch das Gemälde “Spiel der Wellen” des Schweizer Malers Arnold Böcklin (1827-1901), dessen Atmosphäre und Gestalten Benco in seiner “phantastischen Komödie” aufleben ließ.

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Auch wenn nicht genau verbürgt ist, wann und wo Benco die Bilder von Böcklin zum ersten Mal gesehen hat, so steht doch fest, daß ihn dessen eigenartige Welt der Phantastik bezaubert hat. Bei näherem Hinsehen sind in vielen Szenen von Oceana mythologische Gestalten wie Tritonen, Nereiden, Nymphen und Naiaden sowie andere von Böcklin gemalte Meeresmotive wiederzuerkennen, von denen sich der Dichter Benco inspirieren ließ. Die Ähnlichkeit der Opernszenen mit folgenden Bildern ist augenscheinlich: Spiel der Naiaden (1886), Ruhige See (1887), Triton und Nereide (1873-74) sowie im bereits erwähnten Bild Spiel der Wellen (1885). Eine besonders augenfällige Ähnlichkeit besteht zwischen dem Bild Faun und schlafende Nymphe (1885) und der Szene am Anfang des zweiten Aktes, in dem zwei Meeresgenies, Ers und Uls, mit Bewunderung die junge schlafende Nersa beobachten.

 

Diese Szene wurde von Smareglia als Schlaflied, das Uls für Nersa singt, vertont. Angeregt durch die Malerei Böcklins hat Benco das Libretto geschrieben als eine Geschichte, die im Meer spielt und deren Handlung auf der Bühne mit suggestiven Szenenanweisungen in vielen phantastischen Bildern aufeinander folgt. Vor der Premiere erklärte Benco, Smareglias und seine Intention sei es gewesen, auf der Opernbühne “Landschafts- und Musikbilder” zu zeigen und sie von der Musik begleiten zu lassen. Durch die Hervorhebung des Bildhaften hat der Dichter in seinem Libretto viele Bildsequenzen voller Innerlichkeit geschaffen. Statt die Handlung durch Dramatik zu bestimmen, hat der Komponist die Möglichkeit, mit seiner Musik eine poetische Stimmung herbeizuzaubern.


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Die Lebendigkeit in Bencos Versen und die Bildhaftigkeit im Libretto förderten den Einfallsreichtum des Komponisten bei der musikalischen Umsetzung. Aus dem Bedürfnis nach einer stimmungsvollen und bildhaften Klanggestaltung hat Smareglia eine umfangreiche Orchestermusik komponiert. Im Ergebnis könnte dafür das Wort von Gabriel Fauré über die Oper Salomè von Strauss zutreffend sein: Es ist ein “Symphonisches Lied erweitert durch Stimmen”. Der zweite Akt von Oceana ist ein besonders gutes Beispiel hierfür: Die Stimmung, die Benco beabsichtigte wiederzugeben (eine Nacht auf einer mondbeschienenen Insel), hat die musikalischen Fragmente wie ein Notturno marino (eine Nachtmusik am Meer) geschaffen: Ankunft des Trion, Lied an die Schlafende und Tanz der Wellen.

 

Smareglias Musik und die Art und Weise, wie der Komponist die Stimmung herbeizauberte und die Handlung in dieser Oper interpretierte, sind Beispiele für das Theater der Poesie, das auch in zwei weiteren Opern von Smareglia und Benco lebendig ist. Am Anfang ihrer Zusammenarbeit stand Bencos erstes Libretto für die Oper Falena. Gedacht war sie als eine “dramatische Legende”, die bei ihrer Uraufführung in Venedig 1897 großen Erfolg hatte. Das Publikum war sehr neugierig auf den neuen Librettisten, den damals 22jährigen Silvio Benco, der als Zeitungskritiker und Schriftsteller mit seinen Rezensionen und Essays über das kulturelle Leben in Triest und Italien einem breiten Publikum bekannt war. Benco war mit den Kunstrichtungen, die sich in Europa am Ende des 19. Jahrhunderts verbreiteten, besonders mit dem Symbolismus und der Dekadenz, die aus Frankreich kommend auch in Italien ihren Einzug hielten (insbesondere im Werk von Gabriele d’Annunzio), vertraut. Die besondere Sensibiltität in seinen Romanen kommt auch in deren Titeln zum Ausdruck, z.B. La fiamma fredda (1900), Il castello dei desideri (1906), Nell’atmosfera del sole (1918). Die Beschäftigung mit Themen wie Naturgewalten, Legenden, Träumen und Nachtwelten in seinem schriftstellerischen Werk setzte sich in seinem ersten Libretto fort. Die Oper Falena spielt in einer unwirklichen Welt, bevölkert von einem geheimnisvollen Wesen namens Falena, die den König Stelio bezaubert, seine Träume beherrscht und ihn in erotische Spiele hineinzieht, um nach Einbruch der Dunkelheit zu verschwinden. Die Geschichte der Falena ist wie die Darstellung der Femme Fatale in den Werken der Präraffaeliten (z.B. La Belle Dame sans merci (1893) von J. W. Waterhouse oder The beguiling of Merlin (1874) von Edward Burne-Jones) voll innerer Dramatik, die, nach den Worten Bencos, reich an Möglichkeiten für eine “beunruhigende und bizarre Musik” ist.


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Ein interessantes Beispiel dafür, wie Smareglia die psychologische Atmosphäre der Oper herbeigezaubert hat, findet sich im zweiten Akt: Falena wartet in ihrer Höhle auf den König Stellio, den sie vorher hypnotisiert hat. Sie verführt ihn zuerst mit Wein und lockt ihn dann mit ihrem sinnlichen Gesang. Beide Figuren sind von der gegenseitigen Nähe, der nächtlichen Atmosphäre und dem Wein wie im Rausch. Die Steigerung der emotionalen Spannung ist durch ein dichtes kontinuierliches Klanggewebe sowie durch ständigen Wechsel der ariosi, die entweder sehr melodiös sind (wenn Falena gut und verführerisch sein will) oder eher deklamatorisch (wenn sie streng und drohend dem König Befehle erteilt), umgesetzt. Einige Musikteile ähneln zwar Arien und Duetten, doch unmerklich münden sie wieder in die symphonische Musik. Äußerst hohe Streicherstimmen, eine turbulente Chromatik, Leitmotive und repetitive Rhythmen rufen durch orchestrale Klangverschmelzung eine irrationale halluzinative Welt hervor, in der sich die beiden Figuren bewegen.

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Die letzte Oper, die Smareglia in Zusammenarbeit mit Benco komponierte, war Abisso. Im Unterschied zu Oceana und Falena hat Abisso ein historisches Ereignis zum Inhalt. Die Handlung knüpft an den Kampf der Lombarden gegen Barbarossa in der Schlacht bei Legnano an. Auch wenn sich Abisso inhaltlich von den anderen Opern unterscheidet, so fügt sie sich dennoch stilistisch in das übrige Werk von Smareglia und Benco ein. Eine genaue Betrachtung der Libretti zeigt, daß sich Benco weiterhin kreativ mit Themen der Dekadenz auseinandersetzt und sich von O. Wilde, G. D’Annunzio, E. A. Poe und M. Maeterlinck beeinflussen läßt. In den Libretti verknüpfte er die zwei dramatischen Themen Liebe und Krieg miteinander und schafft dadurch ein leidenschaftliches Drama um zwei Schwestern (Gisca und Mariella), die angegriffen und versklavt werden und sich in ihre Entführer verlieben. Durch die Hervorhebung der aufgewühlten Seelenzustände, des ausgelassenen Verhaltens und der Sinnlichkeit hat Benco auch dieses Mal wie schon in Falena den inneren Kampf der Figuren stärker als die historische Auseinandersetzung dargestellt. Wie in Falena und Oceana hat Smareglia auch diesem Libretto einen dichten kontinuierlichen symphonischen Klangkörper verliehen. Das Besondere an Abisso ist der intensive Gesang sowie die Vollkommenheit, mit der der Komponist die Stimmen mit der Orchestermusik verbindet. Das beste Beispiel für die Poesie findet sich im Abschnitt über die Orchesterphantasie am Anfang des dritten Aktes.

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Abisso zeigt, daß Smareglias Kreativität und Schaffenskraft noch nicht ausgeschöpft waren. Auch wenn sein Musikstil sich von der zeitgenös-sischen Opernszene in Italien unterscheidet, so gehört ihm der Dank für die Erneuerung der italienischen Oper durch das Theater der Poesie. Daß er deswegen bei seinen Zeignossen im Abseits stand, hat ihn nicht daran gehindert, mit seinem Werk, insbesondere mit seinen letzten drei Opern, zum eigenen Erfolg und zur Originalität der italienischen Oper beizutragen.

 

Der neue Opernstil in Falena, Oceana und Abisso zeigt, daß die Musik Smareglias durch das schriftstellerische Wirken seines Librettisten beeinflußt wurde. Angeregt durch die undramatischen Geschichten von Benco und deren besonderen Atmosphäre hat sich Smareglia von der damaligen italiensichen Oper, wie z.B. dem Werk von G. Puccini, entfernt. Bencos Libretti und Smareglias musikalischer Ausdruck zeigen, daß beide Künstler dem musikalischen und nicht dem dramatischen Ausdruck den Vorrang gegeben haben, und damit den Weg für die eigene Karriere und den Wunsch nach einem neuen Opernstil freigemacht haben. Das Theater der Poesie von Smareglia und Benco hat unter dem Einfluß von Symbolismus und Dekadenz zur Bereicherung der Opernwelt beigetragen.


Đulijana Ličinić van Walstijn