Biographische Anmerkungen
1.jpg

Antonio Smareglia wurde in Pola geboren, nicht weit von dem Meer, das als Urelement in „Oceana“ wiederkehrt, der Oper, die er selbst für sein bestes Werk hielt. Diese Oper wurde 2003 anläßlich des hundertsten Jahrestages ihrer Erstaufführung an der Mailänder Scala im Jahre 1903 unter der Leitung von Arturo Toscanini dem Publikum im Nationatheater Istrien in Pula und im Kroatischen Nationaltheater in Zagreb vorgestellt. Geleitet hat beide Aufführungen Maestro Zoran Juranic.

 

Geboren ist er in der Straße, die damals den Namen Via Nettuno trug, in der Nähe des Forums, wo sich heute seine Gedenkstätte befindet, von wo aus er häufig als kleiner Junge “flüchtete”, wie sich seine jüngste Tochter Silvia erinnerte, um sich am Meer und dessen verschiedenen Stimmungen zu erfreuen. Das Meer ist das Motiv, das im Leben des Künstlers immer wiederkehrt, es ist das Element, das die Stadt umwogt, in der er am 5. Mai 1854 zur Welt kam, wie auch jene Stadt (Grado), in welcher der Maestro am 15. April 1929 starb.


2.jpg

Smareglia führte ein intensives Leben, gekennzeichnet durch großen Erfolg und Ruhm (an der Mailänder Scala, der Metropolitan Opera New York, der Wiener Hofoper, der Dresdener Hofoper und in Prag), aber auch ein Leben mit dunklen Momenten (Opern, die nicht gespielt wurden, seine Blindheit und Armut). Gleichwohl war ihm ein reiches Leben beschieden. Seine Eltern hießen Francesco, gebürtig aus Vodnjan, und Julija Stiglic (Giulia Stiglich), aus Icici nahe Lovran stammend. Die Ankunft von Antonio auf Erden wurde von den Eltern heiß ersehnt, weil ihre ersten fünf Kinder schon in früher Kindheit gestorben waren.

 

Mit seiner Geburt ist auch die Erinnerung verbunden, die die Tochter Silvia immer wieder erzählt hat. Es heißt nämlich, daß Julija Stiglic nach den vielen erlittenen Tragödien ein Gelöbnis abgelegt hat in der Kirche der Gottesmutter von der Barmherzigkeit in Pola (Pula), einem religiösen Ort, der wegen seiner wundertätigen Macht bekannt war. Die Musik, die sein ganzes Leben bestimmte, begeisterte Smareglia von klein an. Das geschah noch, bevor er als junger Mann seine politechnische Ausbildung in Graz aufgab, um sich ganz der Musik zu widmen.

 

Als kleiner Junge wurde er Tonci oder Toncele genannt, er hörte kroatische Schlaflieder, die ihm seine Mutter vorsang (bemerkenswert ist, daß Julija Stiglic Italienisch erst nach ihrer Heirat mit Francesco gelernt hat). Auch hörte er, wie sein Vater als Mitglied des Blechblasorchesters Vodnjan Jagdhorn übte und spielte. Diese langsame Annäherung an die Musik wurde so stark und bestimmte sein Schicksal Erst nachdem er - in Wien, der Hauptsadt der Habsburgermonarchie, wo er zum Studium weilte - die Gelegenheit hatte, “Die Meistersinger” von Wagner zu hören, wurde aus seiner allmählichen Annäherung an die Musik eine schicksalbestimmende Macht. Er ging nach Graz und entschied sich dafür, nicht das Fach Politechnik zu studieren, sondern die Musik.


3.jpg

Und gerade in Graz erhält Smareglia seine ersten Klavierstunden. Nach seiner Rückkehr nach Istrien, entschloß er sich, nach Mailand aufs Konservatorium zu gehen, das damals Alberto Mazzucato leitete; das geschah im September 1871. Da es keine freien Plätze gab, nahm er 3 Monate lang Privatunterricht bei Franco Faccio nahm. Im folgenden Jahr gelang ihm die Aufnahme am Konservatorium, wo er Arrigo Boito kennenlernte. Jetzt begann seine Schaffensperiode. Es ist unmöglich, ein vollständiges Bild des Musikers zu zeichnen, ohne auf sein persönliches Leben einzugehen.

 

Seine große Stütze im Leben fand er in seiner Frau Maria Polla, genannt Jetti, die er, wegen ihrer Schönheit “Istrianische Perle” genannt, als 17-jährige heiratete, und in seinen 5 Kindern. Seine Söhne hießen Ariberto und Mario. Dem letzteren diktierte Smareglia seine Noten, nachdem er infolge einer Operation am grauen Star erblindet war. Auf diese Weise sind die meisten seiner Opern aufgeschrieben worden. Auch seine Frau und viele seiner Schüler, unter denen sich Graf Primo dalla Zonca, Gastone Zuccoli, Vito Levi und Bruno Czerwenka befanden, beteiligten sich an der Niederschrift seiner Werke, ebenso seine Töchter Giulia, Maria und Silvia.


4.jpg

Die Liebe zu seiner Familie wird in seinem Vermächtnis, datiert vom 18. Januar 1923, ersichtlich, das im Triester Blatt “Il Piccolo” am 21. April 1929 veröffentlicht wurde. Besonders hervorzuheben ist der Teil seines Vermächtnisses, in dem er seine “geistige” Botschaft deutlich macht, wenn der Maestro über seine künstlerische und menschliche Vision resümmiert, seine Weltanschauung: “Meinen lieben Kindern hinterlasse ich nur mein künstlerisches Erbe, durch das ich es für mich und für ihre geliebte Mutter nicht geschafft habe, jemals das Glück zu erreichen, das mir eine geheimnisvolle Stimme im Traum verheißen hat. Wahr ist, so fährt er in seinem Vermächtnis fort, daß es mir an Freunden, Gönnern und Genugtuung nicht gefehlt hat.

 

Das hat es mir ein wenig erträglicher gemacht, alle Schwierigkeiten und Nöte, in denen ein großer Teil meines eigenen Lebens sowie meiner Familie verlaufen ist. Die Stimme meines Gewissens wiederholt und überzeugt mich, daß die Werke, die ich hinterlasse, einen künstlerischen Wert haben, der vergleichbar ist mit Werken meiner Zeitgenossen, und der früher oder später dank der Kraft ihrer Kunst erkannt werden.“ Weiterhin lesen wir: „Mit dankbarer Seele erinnere ich mich an die Hilfe und Unterstützung, die mir große Künstler wie S. Benco zukommen ließen. In lieber Erinnerung ist mir Hans Richter, der die Verantwortung für die Aufführung der Oper‚ Der Vasall von Sziget‘ in Wien übernommen hatte, und so meine Reputation in der Musikwelt verbreitet hat, ebenfalls Ernst Schuch, Direktor des Hoftheaters in Dresden. Ich erinnere mich an Arturo Toscanini, eine große Persönlichkeit in Italien, die sich mit viel Aufmerksamkeit und Enthusiamus für meine Opern eingesetzt hat und die Aufführung der Opern ‚Oceana‘ und ‚Abisso‘ (Abgrund) ermöglicht hat. Zum Schluß muß ich meinen wahren Freund Arrigo Boito erwähnen, der nie aufhören wird, in meiner Seele zu leben, mit der Erinnerung an lange Stunden zusammenverbracht in seinem bescheidenen Studio in geistiger Gemeinschaft.

5.jpg

In seinem Vermächtnis wendet sich Antonio Smareglia in Gedanken auch an Pola (Pula). Er erinnert sich an die Unterstützung, die er dank seiner Triester Freunde und seiner Stadt erhalten hat: “Pula, meine Geburtsstadt, hat sich herzlich und edel erkenntlich gezeigt.” Er erinnert sich auch an seine Frau Maria (Jetti): “Trotz großer Mühen und Plagen, die mein Leben begleitet haben, war mein größter Trost, daß meine geliebte Lebensgefährtin Maria Polla zu mir gehalten hat, sie hat mich mit unsäglich vielen Entsagungen begleitet und war Ersatz für alle Feindschaften, von denen ich sonst umgeben war.”

 

Smareglia wendet sich hier auch an seine Kinder, um ihnen sein künstlerisches Erbe zu “übergeben”. Sein reiches künstlerisches Erbe (materiell) wird im Musikhaus Sonzogno von Piero Ostali in Mailand (wo sich die Partituren der Opern befinden) aufbewahrt, aber auch in verschiedenen Bibliotheken und Museen. Erwähnenswert ist die kleine “Truhe”: das Archiv der Enkelin Adua Smareglia Rigotti, das sie in ihrem Haus in Udine hütet. Natürlich sind hier auch die Universitätsbibliothek in Pula (die die handgeschriebene Partitur der Oper „Istrianische Hochzeit“ aufbewahrt) sowie die Gedenkstätte im Geburtshaus des Komponisten in Pula zu erwähnen.


Mariarosa Rigotti Longo